Rumänisches
Kirchenleben in der Diaspora
Metropolit Serafim: „Wir sind orthodoxe Rumänen, loyale Mitbürger in
Deutschland und überzeugte Europäer.“
Rumänen in
Deutschland feierten die Grundsteinlegung für eine orthodoxe Kathedrale in
Berlin und die Weihe der Metropolitan-Kathedrale in Nürnberg durch Patriarch
Teoctist

Mitten in der Stadt Nürnberg in
Bayern weht an einem Hofeingang die rumänische Fahne. Man hört Menschen
Rumänisch sprechen, die mit Trachten aus Siebenbürgen, der Bukowina oder der
Moldau gekleidet sind. Gelegentlich laufen einem orthodoxe Priester über den
Weg. Mit ihren schwarzen Soutanen fallen sie auf in einem Umfeld, in dem
katholische Priester und evangelische Pfarrer aufgrund ihrer Kleidung nicht
mehr ohne weiteres als Geistliche und Diener der heiligen Altäre erkennbar
sind. Für die Rumänen in Bayern und Deutschland ist Nürnberg ein geistiges
Zentrum in der Diaspora. Denn seit 2001 gibt es hier eine Rumänische
Orthodoxe Metropolie mit einem eigenen Hierarchen an der Spitze: Metropolit
Dr. Serafim Joantă. Seit 1994 wirkt er unermüdlich für den Aufbau
rumänischer Kirchengemeinden in Deutschland und Zentraleuropa. In der
Diaspora sind solche Inseln des Rumänentums ein wichtiger Halt, bieten sie
doch Orientierung und Identität fern der Heimat. „Für uns Rumänen ist es
kein Widerspruch, gleichzeitig gute orthodoxe Rumänen, loyale Mitbürger in
Deutschland und überzeugte Europäer zu sein“, sagt der Metropolit, der stets
betont, daß sich die Rumänen um Integration in Deutschland bemühen.
Am letzten Wochenende konnten die
Gläubigen der Rumänischen Orthodoxen Metropolie nun wahrhaft historische
Momente erleben: die Grundsteinlegung für eine eigene Kathedrale in der
deutschen Bundeshauptstadt Berlin sowie die Einweihung der
Metropolitankathedrale in Nürnberg durch Patriarch Teoctist. Nachdem die
Metropolie vor drei Wochen vom Freistaat Bayern den Status einer „Körperschaft
des Öffentlichen Rechts“ verliehen bekam, darf sie nun als staatlich
offiziell anerkannte und mit den anderen großen Kirchen in Deutschland
gleichberechtigte Kirche wirken und auftreten. Die Rumäninnen und Rumänen
feierten diese drei Ereignisse mit großer Freude und Begeisterung sowie
vielen Gästen.
Als der damalige Weihbischof der
Metropolie von Siebenbürgen, der Maramuresch und dem Kreischgebiet, Serafim,
im Juni 1994 zum Metropoliten für Deutschland und Zentraleuropa geweiht
wurde, wußte er nicht, wieviel Arbeit auf ihn wartete. Als frankophiler
Rumäne, der Italienisch und Französisch beherrscht, mußte er erst einmal
Deutsch lernen, um sein Amt antreten und ausüben zu können. Nach seinem
Promotionsstudium am Orthodoxen Institut St. Serge in Paris mit berühmten
Lehrern wie Olivier Clément war die nüchterne und oft unterkühlte Atmosphäre
in Deutschland und im hohen Norden Europas, der auch zur Metropolie gehört,
für den rumänischen Hierarchen erst einmal gewöhnungsbedürftig. Denn die
Mentalität und Lebensart in Südosteuropa und im frankophonen Raum ist doch
sehr unterschiedlich zu der deutschen oder angelsächsischen Lebens- und
Denkweise.
Der rumänische Seelenhirte fand
1994 in seinem neuen Bistum keine einfachen Startbedingungen vor. Die
Rumänen waren untereinander nicht einig. Es gab nur neun Gemeinden in
Deutschland, darunter in großen Städten wie Nürnberg, Köln und München, die
schon Pfarrer hatten. Manche orthodoxen Rumänen hatten sich zu
kommunistischen Zeiten dem griechischen Vikariat des Ökumenischen
Patriarchats von Konstantinopel unterstellt, um sich vom Patriarchat in
Bukarest abzugrenzen. Innerhalb der rumänischen Diaspora wie auch auf Seiten
der Politik und der Behörden in Deutschland wurde dem Auslandsbischof
zunächst mit Mißtrauen begegnet, weil Rumänien nach dem Ceausescu-Regime
einen schlechten Ruf hatte und die Kirche unter dem Verdacht stand, mit dem
kommunistischen System und der Securitate kollaboriert zu haben.
Es standen nicht genügend eigene
Pfarrer zur Verfügung, Kirchen überhaupt nicht. Die Rumänen zelebrierten
ihre Gottesdienste in der Regel in Gotteshäusern der Katholiken und
Lutheraner. Aus der geistigen Sicherheit eines orthodoxen Landes, in dem
sich die Orthodoxie als Staats-, Volks- und Mehrheitskirche versteht, kam
Metropolit Serafim in ein Land, in dem Katholiken und Lutheraner die
Mehrheit stellen und die wichtigsten und einflußreichsten Kirchen sind und
die Orthodoxen eine Minderheit bilden. Auch dies bedeutete eine Umstellung.
Neben bestehende kirchliche Strukturen der Russen, Serben und Bulgaren traf
Metropolit Serafim vor allem auf die orthodoxen Griechen, die staatlich
schon anerkannt waren und auch gewisse Alleinvertretungsansprüche für die
Orthodoxie pflegten, was die Zusammenarbeit der Orthodoxen in Deutschland
und die Wahrnehmung der nicht-griechischen Orthodoxen in Deutschland nicht
unbedingt erleichtert. Auch dies bedeutete eine Umstellung. Und es gab
keinen eigenen Bischofssitz. Bis 2001 hatte die Metropolie ihren Sitz in
Regensburg am Ostkirchlichen Institut der Römisch-Katholischen Kirche.
Dieses Institut bildete schon in den Jahren des Kommunismus bis 1989 eine
wichtige Brücke zwischen der katholischen Kirche in Deutschland und der
Rumänischen Orthodoxen Kirche. Viele Theologen aus Rumänen hatten dort
Stipendien erhalten und konnten so in Deutschland studieren und in dem
Institut wohnen. Zu den Stipendiaten zählten unter anderem der heutige
Bischof von Ramnicu Vilcea, Gherasim Ghelasie, und der Abt von Cozia,
Archimandrit Vartolomeu, der auch Exarch für die orthodoxen Klöster im
Bistum Valcea ist. Hier entstanden wertvolle ökumenische Kontakte, die die
Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und der Rumänischen Orthodoxen
Kirche bis heute prägen.
Angesichts dieser Voraussetzungen
ist die Aufbauarbeit, die Metropolit Serafim und seine Priester in den
letzten zwölf Jahren geleistet haben, umso bedeutender. Die orthodoxen
Rumänen bekennen sich heute fast alle zur Metropolie, die mit dem
Patriarchat in Bukarest in Kircheneinheit steht. Mittlerweile gibt es in
Deutschland rund 40 Kirchengemeinden, in denen regelmäßig Gottesdienst
gefeiert wird. Die Metropolie und ihre Kirchengemeinden sind für die Rumänen
heute wichtige Anlaufstellen. Es wird für Kinder Katechese erteilt. In
vielen Gemeinden finden regelmäßig Vorträge und Veranstaltungen zu Themen
der orthodoxen Spiritualität statt. Der Metropolit ist als Bischof bei den
anderen orthodoxen Bistümern und Metropolien und den anderen Kirchen in
Deutschland längst anerkannt. Er nimmt regelmäßig am Dialog der Rumänischen
Orthodoxen Kirche mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) teil.
Das Gebiet der Metropolie
erstreckt sich auf mehrere Länder. Neben Deutschland gehören noch Österreich,
Luxemburg, Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland zum Einzugsgebiet. 1996
hat die Metropolie beim Kultusministerium in Bayern Antrag auf Anerkennung
als Körperschaft Öffentlichen Rechts gestellt. Diesem Antrag wurde nun nach
mehrjähiger Prüfung stattgegeben. Staatssekretär Karl Freller überreichte
dem Metropoliten am orthodoxen Ostermontag im April dieses Jahres die
offizielle Urkunde. Damit ist die Rumänische Orthodoxe Kirche den anderen
staatlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften in Bayern und
Deutschland nun gleichgestellt, ein wichtiger Schritt für die Metropolie,
die vorher nur als Verein fungierte. Die Metropolie, die mittlerweile den
Titel „Deutschland, Zentral- und Nordeuropa“ trägt, darf nun
Religionsunterricht an öffentlichen Schulen erteilen, bekommt staatliche
Förderung und kann theoretisch über den Staat auch Kirchensteuer einziehen,
was die Orthodoxie aber nicht zu tun pflegt.
Metropolit Serafim hatte anfangs
auch keine eigene Kathedrale. In der alten evangelischen Epiphanias-Kirche
in Nürnberg (Fürther Straße 166-168, 94029 Nürnberg) fand die Metropolie
eine geeignete Kirche vor. Die Lutheraner brauchten die Kirche nach einem
Neubau nicht mehr. Die Metropolie kaufte das Gotteshaus von der
Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern und bekannte Ikonen-Künstler aus
Rumänien bemalten sie nach einem Umbau im Innenraum aus. Heute erstrahlt die
Kirche in neuem, jetzt byzantinischem Glanz. Die Kirche wurde vollkommen
umgestaltet nach den Regeln der byzantinisch-ostkirchlichen Architektur und
Ikonographie. Eine wertvolle Ikonostase und Ikonen in Fresko-Stil sind heute
in der Kirche zu bewundern. Viele Deutsche aus der Region und weit darüber
hinaus nutzen diese Chance, um sich vor Ort buchstäblich ein Bild von der
Orthodoxie zu machen. Ganze Schulklassen kommen, berichtet Metropolit
Serafim, um in dieser Kathedrale einen Eindruck von der orthodoxen
Spiritualität und Frömmigkeit zu bekommen. Die meisten sind beeindruckt. Und
auf Ikonen sind auch Heilige oder Märtyrer der anderen Kirchen zu sehen wie
etwa Franz von Assisi oder das evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der
1945 als Regimegegner von den Nazis hingerichtet wurde.
Die traditionsreiche Metropole
Nürnberg in der Region Franken ist nun erstmals in ihrer rund 950jährigen
Geschichte Bischofsstadt. Am Metropolitansitz ist zudem ein kleines
Frauenkloster entstanden, das sich traditionell der Ikonenmalerei widmet.
Bei der Einweihung der Kathedrale nahmen vor allem die Vertreter aus der
Politik und den anderen Kirchen – katholische und lutherische Bischöfe – mit
großer Aufmerksamkeit zur Kenntnis, daß die Kirche der Orthodoxen aus
Rumänien derzeit aufblüht und neue Kirchen baut und Klöster gründet in einer
Zeit, in der Katholiken und Protestanten Kirchen schließen und verkaufen
müssen.
Bei der Grundsteinlegung für die
Kathedrale in Berlin waren Metropolit Teofan aus Oltenien, Metropolit Iosif
aus Paris (West- und Südosteuropa), die Weihbischöfe Sofian (Deutschland),
Mark (Frankreich) und Siluan (Italien), sowie der russische Metropolit
Feofan von Deutschland des Moskauer Patriarchats anwesend. In Nürnberg kamen
noch der griechische Metropolit Augoustinos und Metropolit Bartolomeu aus
Klausenburg hinzu. Rund 40 Priester aus ganz Deutschland waren gekommen, um
die Einweihung mit zu feiern. Der Stellvertreter des Bayerischen
Ministerpräsidenten, Innenminister Dr. Günther Beckstein, freute sich, daß
nun seine Heimatstadt Nürnberg erstmals Bischofssitz wurde. In seiner
Ansprache gab er den Ereignissen auch eine politische Note und hielt fest: „Rumänien
wird demnächst EU-Mitglied. Die Rumänische Orthodoxe Kirche ist mit ihrer
Metropolie schon in Europa angekommen. Die Präsenz der orthodoxen Rumänen in
Bayern und Deutschland ist auf jeden Fall eine Bereicherung des religiösen
und kirchlichen Lebens in Deutschland.“ Staatsminister Mihai Gheorghiu, der
in der Regierung Rumäniens für die Diaspora-Rumänen zuständig ist,
Kultus-Staatssekretär Adrian Lemeni und Präsidialberater Bogdan Tătaru
Cazaban unterstrichen in Berlin wie in Nürnberg das große Interesse
Rumäniens, die Verbindungen der Diaspora-Rumänen zu der Heimat sowie die
Einheit der Rumänen in der Diaspora zu unterstützen. Alle zeigten sich
erfreut, daß die Orthodoxen mit ihrer Metropolie und ihren Kirchen ihre
eigene Identität im Ausland pflegen. Patriarch Teoctist sprach in Berlin und
Nürnberg von „bewegenden großen Momenten in der Geschichte der Rumänischen
Orthodoxen Kirche“. Heute zählt die Metropolie allein in Deutschland etwa
300.000 Gläubige. In München leben etwa 20.000 orthodoxe Rumänen, in
Nürnberg etwa 5000 und in Berlin rund 4000. Die Orthodoxen zusammen machen
derzeit rund 1,5 Millionen der in Deutschland lebenden Christen aus und sind
damit auf Platz drei der Skala nach Katholiken und evangelischen Christen
gerückt.
Dr. Jürgen Henkel