† Metropolit Serafim von Deutschland, Zentral- und Nordeuropa
Osterpastorale 2008: Die
Vergebung der Sünden
„Nehmt hin den Heiligen Geist!
Welchen ihr die Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen;
und welchen ihr sie behaltet,
denen sind sie behalten.“ (Joh 20, 22-23)
Christus ist auferstanden!
Wohlehrwürdige Väter und
geliebte Gläubige,
Der christliche Ostergruß „Christus ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig
auferstanden!“, mit dem wir Christen uns von Ostern bis Christi Himmelfahrt
grüßen, ist – wie auch das heilige Kreuz – ein konzentriertes Bekenntnis
unseres Glaubens. Und in der Tat: wenn wir uns einander zurufen: Christus
ist auferstanden! – Er ist wahrhaftig auferstanden!, dann bekennen wir das
Wesentliche des christlichen Glaubens, und zwar den Sieg unseres Herrn Jesus
Christus über den Tod, welcher der letzte und größte „Feind“ des Menschen
ist (vgl. 1. Kor 15,26).
Der Tod als Strafe für die Sünde oder „der Sünde Sold“ (vgl. Gen. 2,17; Röm
6,23) ist eine universale Wirklichkeit. Und trotzdem kann der Mensch den Tod
nicht akzeptieren, weil er nicht zu seinem Wesen gehört, das von Gott für
die Unsterblichkeit geschaffen ist. So haben die Menschen immer gegen den
Tod gekämpft, aber niemand außer unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus
hat ihn besiegt, weil Er der einzige Mensch ohne Sünde war.
Der Tod des Herrn und Erlösers war ein ungerechter Tod, den Er freiwillig
auf sich genommen hat, um den Tod aus seinem Innersten heraus zu besiegen,
indem er die Trennung des Menschen von Gott überwand. „Christus ist von den
Toten auferstanden. Er hat den Tod mit dem Tod besiegt und den Toten in den
Gräbern das Leben wiedergegeben.“
Seit der Auferstehung des Herrn trennt der Tod den Menschen nicht mehr von
Gott, sondern vereint ihn mit Gott. Der Tod wird so zum Moment der großen
Begegnung des Menschen mit Gott, auf die wir uns unser ganzes Leben lang
vorbereiten müssen. Das christliche Leben ist im Prinzip ein ständiger Kampf
mit der Sünde, die auf vielfältige Weise auf uns trifft, um uns von Gott
wegzureißen und gleichgültig gegenüber unserer Erlösung zu machen. Der
Mensch, der an die Sünde gewöhnt ist, lebt in einer Art geistlichem Tod, der
sich in fehlender Aufmerksamkeit gegenüber den Geboten Gottes und dem
geistlichen Leben oder einem im Geiste Gottes geführten Leben äußert.
Leider sind heute die meisten Menschen nur noch dem Namen nach Christen,
weil sie sich nicht wirklich um Leben nach dem Willen Gottes bemühen. Dazu
gehören ein lebendiger Glaube, Beten und Fasten, die regelmäßige Teilnahme
an den Gottesdiensten der Kirche, die Beichte und die Teilnahme an den
heiligen Sakramenten, durch die wir an Liebe zu Gott und unseren Nächsten
wachsen. Genau deshalb sind die Menschen heute auch so oft verzweifelt und
unglücklich und werden so oft von den alltäglichen Problemen überwältigt,
weil ihnen die wichtigste Unterstützung im Leben fehlt: der geistliche Halt.
Diesen geistlichen Halt erfahren wir aber nur, wenn wir unseren Glauben auf
eine reale Weise durch Gebet und Fasten auch leben und eine enge Beziehung
zur Kirche haben.
Geliebte Gläubige,
Wir haben diese Osterpastorale mit den Worten „Die Vergebung der Sünden“
überschrieben, weil die größte Gabe, die die Welt durch die Auferstehung des
Herrn erhalten hat, genau die Vergebung der Sünden ist. Die Sünde des
Ungehorsams gegenüber Gott führte die ersten Menschen aus dem Paradies
heraus und machte aus Unsterblichen Sterbliche. „An dem Tag, an dem ihr vom
Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen eßt, müßt ihr des Todes sterben“
(Gen. 2, 17), sagte Gott zu Adam.
Und Adam und Eva sind tatsächlich gestorben. Zunächst geistlich, weil ihr
Geist verdunkelt wurde und sie Gott nicht mehr klar sehen konnten, weil ihr
Herz verkehrt wurde und mehr von den materiellen Dingen angezogen wurde,
statt nach den geistlichen zu streben, und weil ihr Wille nachgelassen hat,
das Gute zu erfüllen. Und nach dem geistlichen Tod folgte auch der
leibliche.
Die Konsequenzen der Sünde waren indes vielfältig. Nachdem sie vom Baum der
Erkenntnis kostete, sagte Gott zu dem Weibe: „Ich will dir viel Mühsal
schaffen…, unter Mühen sollst du Kinder gebären.“ Und zu Adam sagte er:
„…verflucht sei der Acker um deinetwillen. Mit Mühsal sollst du dich von ihm
nähren dein Leben lang. … Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot
essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist
Erde und sollst zu Erde werden.“ (Gen. 3, 16-19)
Genauso hat die Sünde des Kain, der seinen Bruder Abel tötete, den Zorn
Gottes auf ihn gezogen: „Und nun: verflucht seist du auf der Erde, die ihr
Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen…Unstet
und flüchtig sollst du sein auf Erden.“ (Gen. 4,12) Dies ist das Kainsmal
des Sünders, eines jeden Menschen, der Sünden begeht: seelische Unruhe,
Gewissensbisse, Traurigkeit, der Verlust der inneren Freiheit… Bevor er Abel
aus Neid tötete, weil sein Opfer nicht angenommen wurde, sagte Gott zu Kain:
„Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? … Wenn du fromm bist,
so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die
Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über
sie.“ (Gen. 4,7)
Die Sünde der ersten Menschen begründet die „Erbsünde“. Jeder Mensch wird
mit dieser Sünde geboren, d.h. wir alle erben von Adam durch unsere Eltern
ein geistlich geschwächtes und der Sünde zugeneigtes Wesen, das mit dem
leiblichen Tod vergeht.
Die Erbsünde ist also nicht die persönliche Sünde des Adam, die Gott uns
auferlegen würde, sondern die Folgen aus der Sünde des ersten Menschen. Denn
wir sind alle Nachfahren des Adam. So erben wir mit unserer Geburt die Natur
des Adam, die von der Sünde geschwächt und sterblich wurde. Alle Nachfahren
des Adam imitieren ausnahmslos die Sünde des ersten Menschen und haben daher
auch alle sein Schicksal, d.h. alle machen wegen der Sünde zahllose
Leidenserfahrungen, die zuletzt im leiblichen Tod enden.
Geliebte Gläubige,
Durch Seine Auferstehung hat uns unser Erlöser Jesus Christus aus diesem
Kreislauf der Sünde befreit und uns die Kraft gegeben, die Sünde durch
Glauben und Selbstzügelung zu überwinden. Wenn wir aufgrund unserer
menschlichen Schwäche trotzdem sündigen, bietet uns Gott die Buße und die
Vergebung der Sünden an durch das Sakrament der Beichte und des Bekennens
der Schuld an. Nach Seiner Auferstehung zeigte sich der Erlöser Seinen
Jüngern und sagte zu ihnen: „Nehmt hin den Heiligen Geist! Welchen ihr die
Sünden erlaßt, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen
sind sie behalten.“ (Joh 20, 22-23)“ Die Vergebung der Sünden bedeutet, daß
Gott sich uns mit Barmherzigkeit zuwendet, er uns wie dem verlorenen Sohn
vergibt und uns Gnade und Kraft schenkt, damit wir die Konsequenzen unserer
Sünden mit Mut und Geduld ertragen. Ein guter Gläubiger, der häufig beichtet
und die Heiligen Sakramente Christi empfängt, empfindet eine große Befreiung
in seiner Seele und gleichzeitig eine große Kraft, durch die er in
Heiterkeit die Versuchungen, die Beschwernisse und die Nöte des Lebens
überwindet. Der Tod eines Mannes Gottes ist nichts anderes als die Krönung
seines Lebens, seine Begegnung mit Gott „von Angesicht zu Angesicht“.
Um uns der Gabe der Vergebung der Sünden und der Hilfe Gottes, die uns
entsprechend unserer Reue geschenkt wird, zu erfreuen, müssen wir uns so oft
wie möglich dem Beichtstuhl nähern, aufrichtig beichten und dem Priester und
Geistlichen unsere Schuld bekennen, die von ihm auferlegten Beichtstrafen
erfüllen und uns bemühen, ein reines und unserem Namen als Christen würdiges
Leben zu führen.
Deshalb ermuntere ich Euch alle, jede Scham und Zurückhaltung hinter Euch zu
lassen, die nur vom Bösen kommen können, wenn Ihr Euch dem Beichtstuhl
nähert, und Eure Sünden frei zu bekennen, und zwar nicht nur einmal im Jahr
oder nur zu den vier Fastenzeiten, sondern jedes Mal, wenn Ihr
Gewissensbisse für begangene Sünden habt. Nur durch häufiges Bekennen
unserer Sünden und Kommunion an den Heiligen Sakramenten gewinnen wir die
nötige geistliche Sensibilität und werden uns davor hüten, weiter zu
sündigen.
Möge die Auferstehung des Herrn in unser aller Herzen jenen Frieden und jene
Freiheit der Kinder Gottes ausgießen, die höher ist als alle menschliche
Vernunft (vgl. Phil. 4,7), wie auch jene Freude, die die balsamtragenden
Frauen und die Apostel hatten, die den auferstandenen Herrn gesehen haben.
Ich bete zu Gott dem Herrn, dass Ihr alle die Osterfeiertage in Euren
Familien und im Alltag mit Gesundheit und Freude zur Fülle begehen könnt!
Christus ist auferstanden! Und Gesegnete Osterfeiertage!
Euer allezeit Euch Gutes wünschender und zum auferstandenen Herrn
Betender
† Serafim
Erzbischof
und Metropolit