Rumänische Orthodoxe Metropolie für Deutschland, Zentral- und Nordeuropa

 

Rumänisch-Orthodoxes Kirchenzentrum München

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Karl Christian Felmy:
Die orthodoxe Theologie der Gegenwart

Interview mit Frau Marija Ivanova von der Zeitschrift Православие България (28. Mai 2007) anlässlich des Erscheinens des Buches von Karl Christian Felmy »Die orthodoxe Theologie der Gegenwart« in bulgarischer Sprache.

- Verehrter Prof. Felmy, es wäre interessant für unsere Leser, mehr über Ihre Begegnung mit der Orthodoxie zu erfahren?

Schon in früher Zeit entstand bei mir ein Interesse für die Orthodoxie. Warum? – Nur Gott weiß es. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass mein Vater, Pfarrer der Lutherischen Kirche, Mitglied einer Bruderschaft war, die sich um eine Erneuerung und Verlebendigung des gottesdienstlichen und sakramentalen Lebens im Luthertum dieser Zeit bemühte. Ich erinnere mich daran, dass ich als zwölfjähriger Junge meinen Vater gefragt habe, was Orthodoxie ist. Das heißt: irgendein Interesse bestand. Als ich schon Student der Theologie an der Universität Heidelberg war, verstärkte sich das Interesse für die Orthodoxie. Auf dem Wege zur Universität befand sich eine altkatholische Kirche, in der jeden Sonntag die orthodoxe Liturgie gefeiert wurde. Im Vorübergehen las ich, dass gerade jetzt die Göttliche Liturgie vollzogen werde. Seitdem bin ich sehr oft dorthin gegangen, um die orthodoxe Liturgie kennezulernen und in ihr zu beten. Einen zweiten Impuls empfing ich bei der Vorbereitung einer Seminararbeit. Bei der Sammlung von Material dafür in der Bibliothek des Ökumenischen Instituts der Heidelberger Universität öffnete ich zufällig das Buch von Igor Smolitsch »Leben und Lehre der Starzen«, das ich mit Begeisterung verschlang. Seitdem bin ich dankbar dafür, dass meine erste Begegnung mit der Orthodoxie über die Göttliche Liturgie und ein wunderschönes Buch über die russischen Starzen erfolgte und nicht über trockene Dogmatik-Handbücher oder Katechismen.

Nach einem Jahr kehrte ich nach Münster zurück, wo wir mit den Eltern lebten (und wo ich übrigens im Jahre 1968 den verstorbenen T.P. Koev kennenlernte und mich mit ihm anfreundete). In Münster war in der Zwischenzeit ein Institut zur Erforschung der Ostkirchen eröffnet worden. Dort habe ich das wissenschaftliche Studium von Geschichte und Theologie der orthodoxen Kirchen begonnen und meine Doktor-Dissertation über die Predigt in der Russischen Orthodoxen Kirche im 19. Jh. geschrieben. 1956 war in Recklinghausen, 70 km von Münster entfernt, ein Ikonenmuseum mit der reichsten Ikonensammlung in Westeuropa gegründet worden. Dorthin bin ich oft gefahren. Bis heute unterhalte ich enge Kontakte zu diesem Museum. Ikonen spielen eine wichtige Rolle in meinen wissenschaftlichen Forschungen und sind meiner An-sicht nach eine wichtige Quelle der orthodoxen Theologie.

- Es besteht die Ansicht, dass sich die orthodoxe Theologie noch in »babylonischer Gefangenschaft« unter dem Einfluss der westlichen (katholischen und protestantischen) Theologie befindet. Gab es auch irgendwelche positiven Einflüsse auf die orthodoxe Theologie von Seiten des Westens?

Ja, es gab sie. Bekanntlich hat Erzpriester Georgij Florovskij die Entwicklung der or-thodoxen, insbesondere der russischen Theologie nach dem Fall von Konstantinopel sehr scharf beurteilt und in diesem Zusammenhang mit einem gewissen Recht von der Pseudomorphose der orthodoxen Theologie gesprochen. Nichtsdestotrotz meinte, er, dass der Kampf für die Theologie in Russland am Ende gewonnen wurde, d.h. es entstand eine selbständige russische orthodoxe Theologie (über die Theologie in anderen Ländern hat er nicht geschrieben). In den letzten Jahren habe ich begonnen, die Arbeiten des russischen Theologen Erzpriester Pavel Svetlov zu studieren und war erstaunt über seine Belesenheit, seine Kenntnis der Theologie der hl. Väter, aber auch der westlichen Theologie seiner Zeit. Er nannte die Quellen, aus denen er schöpfte, stets offen, was ihn in erster Linie von den Vertretern der Schultheologie des 18. und 19. Jh.s positiv unterscheidet. Eine offene kritische Prüfung der westlichen Theologie hat der Orthodoxie nie geschadet, unter der Voraussetzung, dass die orthodoxen Theologen ihre Wurzeln in der liturgischen und asketischen Erfahrung der Kirche nicht vergaßen. In dieser Hinsicht erwies sich der Einfluss der französischen Nouvelle Théologie auf die Pariser Schule der orthodoxen Theologie als besonders günstig. Dasselbe kann man sagen von dem theologischen Denken des Metropoliten von Pergamon Ioannis Zizioulas, der in allen seinen Werken bewiesen hat, dass er imstande war »alles zu prüfen und das Gute zu behalten« (vgl. 2Thess 5, 21) – auch in Hinblick auf den Westen.

- Wie beurteilen Sie die Beziehung der protestantischen Theologie zur orthodoxen – als historisches intellektuelles Reservat oder als Quelle der Inspiration?

Es ist schon gut, wenn Menschen das Denken der anderen besser kennen. Aber das ist natürlich nicht genug und ist noch keine echte Begegnung. Eine echte Begegnung führt dazu, dass man nicht nur den anderen, sondern gleichzeitig auch sich selbst besser versteht. Z.B. haben russische Theologen am Anfang des 20. Jh.s erst im Dialog mit den Altkatholiken erkannt, dass der Begriff »Transsubstantiation« der orthodoxen Vätertradition fremd ist. Auf der anderen Seite kenne ich nicht einen einzigen protestantischen Theologen, der sich ernsthaft mit Leben und Lehre der orthodoxen Kirchen befasst hat, dessen Denkweise nicht bis zu einem gewissen Grade durch das Studium der Orthodoxie verändert worden wäre. Leider gibt es gegenwärtig wenig Folgen davon für die allgemeine Ausrichtung des Protestantismus.

- Hat sich etwas verändert seitdem Ihr Buch erschienen ist, was sich ihrer Beziehung zur heutigen orthodoxen Theologie hinzufügen ließe?

Die Überzeugung, dass die orthodoxe Theologie Theologie der kirchlichen Erfahrung ist, die ich bei ihrem Studium gewonnen und in meinem Buch zum Ausdruck gebracht habe, hat sich nicht verändert. Natürlich habe ich nach der Fertigstellung meines Buches weiter auf dem Gebiet der orthodoxen Theologie gearbeitet und mich z.B. eingehender mit der Soteriologie und der Lehre von der Kenosis befasst. Wichtiger ist, dass sich meine innere Beziehung zu dem Gegenstand meiner Forschungen gefestigt hat und ich vor kurzem selbst die Orthodoxie angenommen habe. Aber das ist eine ganz persönliche Entscheidung und gewissermaßen das natürliche Ergebnis einer lebenslänglichen Beschäftigung mit der Orthodoxie und kein Rezept zur Heilung zwischenkirchlicher Probleme im ökumenischen Kontext.

- Was sagen Sie Menschen, die nach den Veränderungen bei uns erneut den orthodoxen Glauben und lebendige religiöse Erfahrung suchen?

In Russland kam es zu Anfang des 20. Jh.s vor, dass einige Leute, die vom Glauben ab-gefallen waren nach einer gewissen Zeit zur Kirche zurückkehrten. »Aber diese Rückkehr zur Kirche«, sagt Vater Georgij Florovskij, »war allzu oft mit einem Gang ins Volk vermischt … Der ›Köhlerglaube‹ oder der Glaube der alten Kinderfrau oder der analphabetischen Betschwester wird als hoffnungsvollstes Muster oder Maß genommen und herausgestellt«. Ich habe in meinem Buch geschrieben, dass »die neuere orthodoxe Theologie gegen einen einseitigen Intellektualismus gerichtet ist, aber nicht gegen die Wendung an den Intelekt als solchen. Welch eine hohe intellektuelle Kultur kann man bei den hl. Vätern des 4. Jh.s sehen! Es geht nicht darum, den Verstand auszuschalten, sondern ihn ins Herz einzuschließen, d.h. man kann den Verstand nicht von der kirchlichen Erfahrung trennen. Nur so kann man einen kalten Intellektualismus überwinden, nicht durch eine Absage an den Verstand

Außerdem ist es notwendig zu lernen, »das Leben in Christus« aus dem Mysterium der Eucharistie zu schöpfen. Häufig wird vergessen, was der hl. Johannes Chrysostomus gelehrt hat: »Es gibt Fälle, wo sich der Priester nicht von dem unterscheidet, was ihm unterstellt ist, z.B. wenn es darum geht, die Furchtbaren Geheimnisse zu kommunizieren. Wir alle werden ihrer in gleicher Weise gewürdigt … allen wird ein Leib und ein Kelch vorgelegt. Auch die Gebete der Danksagung [d.h. die eucharistischen Gebete] sind gemeinsame, weil nicht nur der Priester allein die Danksagung darbringt, sondern auch das ganze Volk. Nachdem der Priester zuerst die Antwort vom Volk empfangen hat und dann die Zustimmung, dass das Vollzogene ›würdig und recht‹ ist, beginnt der Priester den Dank. Und was wunder, wenn zusammen mit dem Priester auch das Volk ruft, wenn es diese heiligen Gesänge zusammen mit den Cherubim und den oberen Mächten darbringt«.